LACRIMOSA - gehaßt - geliebt...


Das neue Album "Echos" verhielf LACRIMOSA vier Wochen lang in den offiziellen deutschen Longplay Charts zu bleiben und dabei bis auf Platz 13 vorzustoßen. Das Album steht in der Tradition bisheriger Veröffentlichungen. Dem Gesang wird bei LACRIMOSA wie schon zuvor stets ein besonderer Stellenwert eingeräumt - an einem instrumentalen Stück, wie gerade einmal auf dem ersten Album enthalten, oder gar einem ganzen instrumentalen Album hätte TILO WOLFF auch gar kein Interesse...


Tilo: Es wär für mich wie ein Album, eine CD ohne Cover. Es würde eine Komponente fehlen. Für mich ist LACRIMOSA auf drei Säulen gestützt: Text, Musik und Artwork. Nimmt man eine der Säulen weg, stimmt für mich das Konzept von LACRIMOSA nicht mehr. Ich höre mir gern Instrumentalstücke an, ich hör mir auch gern komplett andere Musik als LACRIMOSA an, aber das heißt nicht, daß es für mich Sinn machen würde, so etwas selber zu tun.

Du hast den Album dem Titel "Echos" gegeben. Mit Echos habe ich Assoziationen an ein feedback, an etwas bereits existentes, vielleicht auch an eine Erinnerung, halt eben an etwas, was schon einmal dagewesen ist. Es trägt nicht den Geschmack von etwas neuem auf der Zunge... Wie kommst du ausgerechnet auf diesen Titel? Ist es ein Schritt zurück, ein Rückblick vielleicht?

Tilo: Jein. Es sind verschiedene Aspekte. Teilweise hast du auch absolut Recht mit deiner Mutmaßung. Du hast das Wort Erinnerung grad benutzt. Ich war urspünglich, bevor ich "Satura", das dritte Album, gemacht hatte - man plant ja manchmal, was bei LACRIMOSA selten funktioniert, weil ich ja nicht weiß, inwieweit ich mich entwickel - der Meinung, daß das dritte Album nach "Einsamkeit" "Erinnerung" heißen würde. Es gibt dann ja auch den Titel "Erinnerung" auf dem Album "Satura", ich dachte aber, da würde noch viel mehr in dieses Konstruktum passieren, was dann nicht passiert ist und darum hat dieses Album den Titel auch nicht bekommen, aber das ist ein Thema, was mich immer beschäftigt, weil jeder Einzelne von uns ein Produkt seiner Erinnerung, seiner Vergangenheit ist. Wir sind ein Produkt der Familienverhältnisse, der Kultur, in die wir hineingeboren wurden, der Erlebnisse, die wir hatten... All das hat uns geprägt und hat uns geformt und zu dem gemacht, was wir heute sind. Die Entscheidung, die ich zum Beispiel heute treff, ist geprägt von diesen Echos der Vergangenheit und wird mein zukünftiges Leben verändern. Wenn wir beide vor identisch die selber Entscheidung jetzt gestellt würden, würden wir komplett unterschiedlich entscheiden und jeder würde meinen, er hätte richtig entschieden, weil wir uns auf unseren background und wie wir denken und empfinden, stützen. Unser Leben würde sich komplett anders jetzt entwickeln, das heißt die Echos der Vergangenheit bestimmen das, was ich heute tu und begegnen mir morgen wieder als Echos der Vergangenheit. Das was ich heute sage, ergibt wieder ein Echo, das ich morgen höre. So ist es im Prinzip auch zu sehen als zweiter Punkt - ich habe angefangen irgendwann einmal Musik zu machen und habe damit etwas ausgerufen, was jetzt als Echo wiederhallt. Es stimmt, ich sehe "Echos", dieses Album, nicht als Resumee aber als sehr typisches LACRIMOSA-Album. Es sind sehr viele Elemente in diesem Album wiederzufinden, die LACRIMOSA ausmachen. Allein schon die Art und Weise, wie ich es geschrieben habe, diese Unbefangenheit, wie ich mit LACRIMOSA auch angefangen habe, all das zeichnet dieses Album aus. Bei all dem darf ich sagen, das sind Echos, die mir aus meiner eigenen Vergangenheit entgegenschlagen. Ich hab zum Beispiel Riesenfreude, meine alten Alben anzuhören. Das ist eine wunderschöne Sache und diese Echos, die möchte ich gerne hören. Und im dritten "Echos", weil wir mit den Instrumenten, wir hatten vorhin die Gamben angesprochen, soweit zurückgegangen sind. Es gibt z.B. den Titel "Malina", wo ein Spinett, eine traditionelle Rockband, ein Quintett und loops zu hören sind. Das sind Stilelemente aus verschiedensten musikalischen Epochen, alle vereint in einem Lied. Wenn man jetzt z.B. das Spinett oder irgendein Element herausnimmt, würde der Song in sich zusammenfallen, d.h. er trägt sich nur durch die Echos aus der Vergangenheit. Dadurch, daß diese Instrumente nicht verlorengegangen sind, daß wir die immer noch kennen dürfen, trägt sich dieser Titel, ernährt sich von den Echos und wird wieder neue Echos ausrufen. Das alles zusammen würde ich unter diesem Titel "Echos" fassen.

Die einzelnen Lieder auf "Echos" tragen ja alle einen Untertitel, die das Album in verschiedene Themenbereiche aufteilt. So trägt der Song der Vorabsingle auf dem Album den Untertitel "Suche (part 1)", wobei "Ein Hauch von Menschlichkeit" den zweiten Teil darstellt. Standen die Themen vorab fest, quasi ein Konzept für das Album oder passten die Stücke nur jeweils gut zusammen?

Tilo: wenn überhaupt, dann eher zweiteres. Ich mag dieses Wort Konzeptalbum nicht so gern, das klingt so kopflastig. Es ist tatsächlich nicht so, daß ich mich hingesetzt und ein Kozept geschrieben habe. Dadurch, daß das Album in einer relativ kurzen Zeitspanne geschrieben wurde - direkt nach Beendigung der "Fassade"-Welttour, wo wir zurückgekommen sind. Normalerweise bin ich konstant am komponieren, es ist zu einer Art Lebenselexier von mir geworden. Ich setze mich also nicht hin und schreibe ein Jahr Pause und mache dann ein Jahr Pause. Während dieser sehr langen "Fassade"-Tour hatte ich keine Gelegenheit zu komponieren. Als ich zurück kam, ist dieser Drang, dieser Wunsch zu komponieren, so dermaßen über mich eingebrochen, daß ich mich einfach nur dem hingeben mußte ohne mir jetzt irgendwelche Gedanken zu machen, in welche Richtung es geht, es ist ein sehr entspanntes Album geworden. Ich habe auch als ich angefangen hab an diesem Album zu schreiben gar nicht gemerkt, daß dies ein Album mal sein könnte, ich habe einfach nur geschrieben. Irgendwann war der Punkt erreicht, wo ich gedacht hab, ich muß jetzt ins Studio gehen, weil wenn ich jetzt nicht ins Studio gehe, dann verlasse ich so langsam diese Gefühlswelt, in der ich die letzten Songs geschrieben habe, dann müßte ich das neu aufbereiten, das ist unsinnig. Ich war dann im Studio und dort ist das Album zu einem Album erst geworden. Da ist mir erst aufgefallen, daß diese Songs einen Zusammenhalt untereinander haben und daß es in sich abgerundet ist, daß da gar nichts mehr folgen darf, sondern daß es ein fertiges Album ist. Erst im Studio merkte ich, daß es ein Album ist. Ich habe die ersten Platten immer nur so aufgenommen: Song geschrieben, Studio, Song geschrieben, Studio und irgendwann gesagt, die Songs kommen zusammen auf eine Platte. Das habe ich sehr lang fortgeführt, bis "Elodia", das war das erste Album, das ich in einem Stück aufgenommen habe. Hier dachte ich jetzt auch wieder, das würde nur stückchenhalber. Die Art und Weise wie die zusammenhängen, der Grund, warum Suche (part 1) nicht gefolgt ist von Suche (part 2)... Wenn man davon ausgeht, daß man seinen Gegenüber nur lieben kann, wenn man sich selbst ein Stück weit liebt; wenn man seinen Gegenüber nur verstehen kann, wenn man sich selbst versucht zu verstehen; und daß man Situationen, in die man im Leben hineingestellt ist, nur ergründen und dadurch auch meistern kann, wenn man sich selbst ein bißchen begreift und auch weiß, warum man in gewissen Situationen wie reagiert... Dann muß man ja theoretisch in sich selber eine Suche starten - das wäre "Durch Nacht und Flut", eine sehr vehemente Suche für mich, ein sehr auch positiver Song dahingehend, eine Suche birgt ja auch immer ein gewisses Risiko in sich... Ich möchte niemals der Mensch sagt, "ich weiß weiß nicht, was ich find, also begeb ich mich nicht auf die Suche", sondern ich möchte losmarschieren, getreu was ich damals in "Der Kelch des Lebens" geschrieben habe ("es ist der Traum der mich geführt und folgen werde ich bis in die Glut") - ich muß meinen Träumen, meinen Hoffnung folgen, auch wenn sie mich verbrennen werden.

Zu den Liedern der Suche habe ich mich gefragt, wonach Du eigentlich suchst... Das wird beim Hören der Songs nicht so recht deutlich. Existiert etwas konkretes, also ein bestimmtes Ziel der Suche, oder ist die Suche eher ein Selbstzweck, quasi die Suche als Weg an sich?

Tilo: Es ist die Beschreibung einer Suche zunächst mal, einer Fragestellung - "doch finde ich wirklich, was ich suche?" Die Suche nach Wahrhaftigkeit, nach Kontakt zu den tiefsten Gefühlen und zu den Ursprüngen dieser Gefühle. Es gibt zu viele Symptombehandlungen heutzutage, keine Ursachenbekämpfung mehr. Die Ursachen kann ich nur bekämpfen, wenn ich sie finde - in mir. Es ist eine Suche nach der Kraft Hoffnung zu finden, um mich wieder auf eine Suche begeben zu können. Es ist die Suche nach der Energie, lauthals rausrufen zu können "ich mach mich auf eine Suche" - und es auch durchzuziehen. Es ist die Suche nach der Kraft, z.B. so ein Album aufzunehmen. Es sind sehr viele verschiedene Facetten - ich kann und möchte bei so einem Album nicht so sehr ins Detail gehen wie bei einem Album wie "Fassade", wo ich ganz konkret Themen anspreche. Ich möchte mit Bildern arbeiten, die dadurch eine noch größere Kraft... Ich bin ein sehr visueller Mensch, ich arbeite viel mit Bildern, ich seh wenn ich komponier, Bilder vor mir - ich sag oftmals, meine Musik ist ein Soundtrack zu einem imaginären Film. Das ist auch der Grund, warum das layout bei LACRIMOSA so einen wichtigen Bestandteil einnimmt. Wenn man dann etwas gefunden hat in sich, z.B. einen Charakterzug, mit dem man gar nicht einverstanden ist, über den man erschreckt, daß man so etwas in sich trägt, dann muß man sich auch dem hingeben, man kann es nicht wieder unter den Teppich kehren, irgendwann wird es wieder durchbrechen - dann unkontrolliert.

"Echos" weist eine klare Einteilung auf. Auf das Intro folgen jeweils ein Song zu einem Thema, dann wieder jeweils ein Song zu einem Thema in genau der gleichen Themenreihenfolge und abschließend ein Outro. Diese Albenaufteilung erinnert etwas an die bei der klassischen LP typischen Zweiteilung. Man könnte nach dem vierten Lied die Platte umdrehen und die Themen fingen wieder von vorne an... Kann man hier vielleicht eine kleine, versteckte Hommage an die alte Zeit des Vinyls erkennen? Ich weiß nicht, ob ein Großteil der LACRIMOSA-Fans dies überhaupt noch mitbekommen hat...

Tilo: Das weiß ich auch nicht. Das ist eine sehr schöne Betrachtungsweise, habe ich gar nicht dran gedacht. Vielleicht ist es auch unterbewußt passiert, ich bin natürlich mit Vinyl aufgewachsen und bin nach wie vor ein großer Fan vom Vinyl. Kann durchaus sein, daß es eine unterbewußte Unterteilung ist, auf jeden Fall keine kopfmäßige, denn so habe ich das geplant gehabt, als es mir aufgefallen ist... Im Studio ist mir dieses ja erst bewußt geworden.. Jetzt nachdem man diesen Bittruf hatte, wo man festhalten möchte, was man erreicht hat, beginnt der Blick nach außen und es geht wieder von vorne los.

Die Stücke, die den Beinamen "Hingabe" tragen, wirken überraschend ruhig, wenig hingabevoll, eher distanziert. Die Distanz des Alters, der Reife im Gegensatz zur ungestümen Hingabe der Jugend? Hättest Du Stücke mit diesen Titeln früher vielleicht enthusiastischer geschrieben?

Tilo: Das kann gut sein. In gewisser Maßen ist meine Sturm und Drangzeit nicht mehr so extrem. Das hat mit Reife, Bedächtigkeit zu tun, auch damit, daß ich gelernt hab, daß Dinge, die man leiser sagt, manchmal mehr Wirkung haben können, als Dinge, die man heraussschreit. "Eine Nacht in Ewigkeit", wo das Quintett das erste mal hereinkommt - vor ein paar Jahren wär dort Schlagzeug, Bass, Gitarre hereingekommen. Jetzt ist es sozusagen mit angezogener Handbremse das Quintett und hat eine für mich viel härtere, intensivere Aussage.

Das Bittruf-Duo hat etwas vom Flehen von unglücklich Verliebten. Ist es Absicht, dass gerade dieser Gegensatz da ist von Euch beiden, daß diese beiden Lieder jeweils von Dir bzw. von Anne gesungen werden?

Tilo: Der Gegensatz ist absolut richtig. Der Bittruf, der auch mit einer gewissen Angst verbunden ist und daher nicht von dem anderen ausgesprochen wird. Man selber hat diese Entwicklung gemacht und weiß gar nicht "ist es die Definition dessen, was ich gesucht hab?" Kann ich mich ersteinmal durch einen anderen definieren lassen? Viele warten darauf, da sie selber vielleicht Angst davor haben oder aus einer gewissen Eitelkeit heraus, sie können oder wollen es nicht selbst. Der zweite Bittruf, der von beiden kommt, wenn man es wörtlich als Bild übernehmen könnte, sitzen sie sich beide gegenüber und der Blick hinaus, wo sie sich beide gegenseitig beäugt haben, daß sie beide diesen Bittruf angehen können, umso vehementer, da mit vereinten Kräften.

Das Album mit einem über 12 minütigen Intro mit nur spärlichem Gesang (zwei Worte) hebt sich von den vorangegangenen Alben, die viel schneller zur Sache kamen, ab. Meintest Du, dass der Hörer für "Echos" eine besonders intensive Einstimmung braucht?

Tilo: Ich seh die Ouverture als Eingangshalle, wenn man das Album wie ein Haus betrachtet, in die man eintritt. Ich möchte, daß man sich sehr bewußt wird, wo man hier zu Gast ist und sich auch umschaut und nicht durchrennt. Ein Eintreten in eine andere Welt, gemächlicher, auf eine sanftere Art und Weise. Ich bin gespannt, wie das Publikum damit umgehen wird, weil es ja ein nicht sehr populärer Gedanke ist, ein Album mit einem orchestralen, fast dreizehnminütigen Werk zu beginnen.

Das letzte Stück auf dem Album, "Die Schreie sind verstummt" trägt den Untertitel "Requiem für 3 Gamben und ein Klavier". Wie seid ihr auf Gamben, diese nicht mehr zeitgenössischen Musikinstrumente, gekommen? Wann kam die Entscheidung für dieses Instrument, vor bzw. während des Komponierens dieses Stücks oder erst danach?

Tilo: Wenn es fertig gewesen wär, wäre es schwierig gewesen, die Gambe mit einzubauen. Es ist im Prinzip mehr oder weniger zum ersten mal gewesen, daß ein Instrument mich gelockt hat. Bisher, wie vorhin beschrieben, ist es so, daß man eine Melodie hat und die schreit förmlich auch nach einem Instrument. Es gibt Melodien, die klingen zum Beispiel bei einem Horn wunderbar und auf einem Klavier klingen sie nichtsagend. Es gibt Musik die nur in gewissen Instrumenten ihre Schönheit entfalten. Hier war es umgekehrt, daß ich sehr fasziniert bin von diesem Instrument Gambe. Auch ein bißchen von der Geschichte, sozusagen ein halbvergessenes Instrument... Ich finde diesen Klang sehr reizvoll und sehr passend für LACRIMOSA und vor allem für diese Platte, so daß ich eigentlich vor hatte ein Interlude zu schreiben, zwei drei Minuten vielleicht maximal, um dieses Instrument mal zu spüren, zu erfassen. Wenn du für ein Instrument komponierst, läßt du dich auf dieses Instrument ein, es ist ein sehr intimer Augenblick. Das wollte ich mal mit diesem Instrument erleben. Während ich geschrieben hab, sind so viele Gefühle in mir frei geworden, so viele Dinge frei gesetzt worden, daß im Prinzip "Die Schreie sind verstummt" aus mir heraus gesprudelt ist. Auch dieser Text, das war zum Beispiel so ein Titel, wo, wie ich vorhin beschrieben habe, Musik und Text zur gleichen Zeit passiert sind. Nach diesem Heruassprudeln stand ich davor und hatte gar nicht damit gerechnet, daß so etwas passieren würde. Ich war selber etwas überrascht und erschlagen. Das sind natürlich auch sehr schöne Momente eines künstlerischen Daseins, weil man sich selber überraschen kann und weil man selber immer eine Reise antritt, von der man nicht weiß, wie sie ausgeht.

Eigentlich ist dieser Untertitel ja ein Etikettenschwindel. Man vermutet jedenfalls weder Gesang, noch Gitarre oder gar Schlagzeug, die ja bei "Die Schreie sind verstummt" zum Einsatz kommen. Warum also dieser Untertitel?

Tilo: Ach so. Naja, diesen Untertitel habe ich so gewählt, da die Gambe ursprünglich in der Rennaissance und später noch im Barock benutzt wurde, zu einer Zeit im Einsatz, in der Musikwerke so betitelt wurden. Ein "Duett für Violine und Klavier" kann ein ganzes Synphonieorchester beinhalten, Focus ist einfach die Violine und das Klavier was noch nebenbei begleitet ist. Wenn man sich ein Cellokonzert anhört zum Beispiel, hat man auch nicht nur ein Cello oder zwanzig Celli die miteinander spielen, sondern man kann durchaus auch ein ganzes Synphonieorchester oder lange Klavierpassagen haben. Damals hat man sich gesagt, man kann nicht jedes Instrument aufzählen, das wären zu viele zum Aufzählen. Man bezeichnet die Titel nach den Instrumenten, die im Focus stehen. Auch wenn es nicht mehr modern ist, Titel so zu bezeichnen, es ist genausowenig modern, vierzehn oder dreizehnminütige Lieder zu machen oder Gamben zu verwenden. So eine Bezeichnung hat Stil. (lacht)

Was bedeutet für dich Stil?

Tilo: Das ist sowieso etwas. Heutzutage wird Stil oftmals verwechselt, daß es pathetisch rüberkommt oder daß es schwülstig verstanden wird. Stil, eine schöne Tugend, ist mehr und mehr verloren gegangen und ich finde es eigentlich schön, wenn man das aufrecht erhalten kann, wenn man für sich selbst, in seinen Umfeld und für seine Mitmenschen das in irgendeiner Form die für einen tragbar und die für einen genießenswert ist, aufrecht erhalten kann. Stil ist eine sehr schöne Sache. Allein schon im Umgang mit dem Gegenüber. Wenn man heutzutage Menschen zuhört im Gespräch, merkt man, da sitzen sich zwei Menschen gegenüber, die nur ihre eigene Story erzählen wollen aber gar nicht zuhören. Während der eine redet, überlegt der andere schon wieder, was er dagegen sagen könnte ohne zuzuhören. Das ist eine Frage von fehlendem Stil. Sowas finde schade, daß es verloren gegangen ist. Ich möchte mit meiner Musik dem geneigten Ohr, dem geneigten Menschen auch ein bißchen von diesem Stil zurückgeben. Wer so etwas mag, dem soll LACRIMOSA, wie auch auf vielen anderen Ebenen auch, in dem Sinne eine gewisse Plattform bieten. Da ist es mir ehrlich gesagt dann auch ziemlich egal, was dann andere da drüber sagen, die diesen Stil offensichtlich nicht mehr so hochhalten.

Eine Wertediskussion in musikalischer Hinsicht?

Tilo: Ja, im Prinzip, das sind sowieso Dinge, wo man sich jetzt stundenlang verlieren könnte, da muß man natürlich auch aufpassen. Musik ist ja nicht nur die paar Töne die man hört. Musik passiert ja eigentlich hauptsächlich zwischen den Zeilen, in den Gefühlen, die ausgelöst werden, in den Emotionen, die transportiert werden.

Wird LACRIMOSA mit dem Album wieder auf Tour gehen? Termine wurden noch nicht genannt...

Tilo: Es wird keine Tour, keine Konzerte geben in 2003, das hat folgenden Grund. Ich habe im Sommer 200 angefangen, "Fassade" zu schreiben, hab 6 Monate das Album produziert, war dann auf ausgedehnter Welttour, dann habe ich dieses Album geschrieben, 4 Monate aufgenommen und das alles ohne Unterbrechung. Jetzt brauch ich Zeit, um meine Batterien wieder aufzuladen. Wenn ich jetzt auf die Bühne gehen würde, könnte ich maximal 70 Prozent geben und damit würde ich niemanden einen Gefallen tun. Man wird sehen, ob ich das ein ganzes Jahr durchhalte, aber LACRIMOSA auf die Bühne zu bringen, erfordert eine ganze Menge Vorarbeit, ich muß die Musiker auswählen, die Titel für Bühnenpräsentation umschreiben, eine Bühnenproduktion planen, diese Vorarbeit werde ich in absehbarer Zeit nicht leisten können und daher wird's zu 99 % geben, wahrscheinlich erst zum nächsten Album.

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